Aus Flüchtlingen werden Freunde

 

Erfahrungen austauschen, sich von anderen Lesepaten und Lesepatinnen bei Fragen und Problemen beraten lassen und Medienanregungen für die praktische Arbeit bekommen – dies waren die Inhalte der dritten Schulungstage in den Pilotbüchereien. Vor allem der Austausch der Erfahrungen sollte im Vordergrund stehen, und wie viel Freude die Lesepaten und Lesepatinnen bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit haben, war überwältigend. In der Vorstellungsrunde sollte jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer in zwei Minuten sein schönstes Erlebnis aus der Lesepatenarbeit erzählen. So groß die Teilnehmerzahlen der Schulungen waren, so verschieden und schön waren die Antworten der Teilnehmenden und so manches Mal musste auf die Zeit hingewiesen werden, weil die Lesepaten und Lesepatinnen gar nicht mehr aufhören wollten, von den Fortschritten der Flüchtlinge, den Beziehungen und dem Vertrauen, das sich in den letzten Monaten aufgebaut hat, zu berichten.

So er zählte eine Teilnehmerin aus Aegidienberg, dass sie mit der Flüchtlingsfamilie aus Syrien, die sie betreut, eine neue eigene Familie gefunden hat. Die vier Kinder und ihre Eltern nennen sie „unsere Oma aus dem Paradies“, und zwischen den sechsen hat sich eine starke Verbundenheit entwickelt. In Bad Sobernheim berichtete ein Lesepate, wie sehr er sich über das Interesse und den Willen der Flüchtlinge freut und das Vertrauen sich so entwickelt hat, dass er sie mittlerweile auch schon zu sich eingeladen hat, obwohl er dies zu Beginn der Arbeit noch auf keinen Fall wollte. In Bonn findet die Lesepatenarbeit zeitgleich zum wöchentlichen Nachbarschaftscafé statt und die Teilnehmer berichteten, wie toll es ist, wenn die Flüchtlinge immer wieder kommen und mittlerweile ein so großes Vertrauen haben, dass sie sich trauen, von privaten Dingen, wie der Familie im Heimatland oder der Flucht zu erzählen und den Rat der Lesepaten und Lesepatinnen bei wichtigen Fragen, wie etwa dem Arztbesuch, suchen.

Besonders enthusiastisch waren die Lesepaten und Lesepatinnen aus Neuss, die vor allem mit Kindern zusammenarbeiten, da die Bücherei auf dem Gelände der Grundschule angesiedelt ist. Die Kinder sind so stolz auf ihre Erfolge und können das wöchentliche Treffen gar nicht abwarten und bombardieren schon am Vormittag die Lehrer auf dem Schulhof, ob das Lesepatentreffen auch wirklich stattfindet und berichten davon, wieviel Freude ihnen die gemeinsame Zeit bereitet. Die Erzählungen der Kinder haben Wellen geschlagen, so dass sich jetzt auch drei Mütter gemeldet haben, die gerne am Lesepatenservice teilnehmen möchten.

Der Lesepatenservice läuft seit etwa acht Monaten und immer wieder erreichen uns Berichte, wie sehr die Arbeit den Flüchtlingen und den Lesepaten und Lesepatinnen gefällt und wie gut die Fortschritte sind. Immer wieder finden sich neue Ehrenamtliche, die bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit für die Flüchtlinge freizuhalten, und immer wieder kommen neue Flüchtlinge in die Büchereien, die vom Lesepatenservice durch ihre Freunde und Bekannten gehört haben und auch teilnehmen möchten. Vor allem die Möglichkeit, Deutsch zu sprechen und die spezielle Einzelbetreuung werden gelobt und bilden nach wie vor ein innovatives Modell, welches es in Deutschland so nicht gibt.

Text: Judith Schumacher
Foto: Jörg Kruth